2016 Peronospora in den Weinbergen.Berichte von Winzern und Bloggern.

Vorab zur Erklärung allgemein.

 

Falscher Mehltau

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Falscher Mehltau auf einer Gurke, typisches Mosaikbild auf der Blattoberseite

Der Falsche Mehltau ist eine seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Landwirtschaft und dem Gartenbau Europas gefürchtete Pflanzenkrankheit. Er wurde erstmals 1878 unter den Namen Plasmo Para beschrieben. Heute fasst man die verschiedenen Falschen Mehltauarten unter der Ordnung Peronosporales der Eipilze zusammen (diese gehören phylogenetisch nicht zu den Pilzen!). Im Gegensatz zum Echten Mehltau entsteht auf der Blattunterseite ein gräulich-bläulicher Pilzrasen.

Die Infektion erfolgt entweder als Primärinfektion im Frühjahr durch Oosporen, die im Boden überwintern können oder durch Zoosporen, die von den befallenen Primärherden gebildet werden. Die frei beweglichen Sporen (Zoosporen) dringen über Spaltöffnungen ins Wirtsgewebe ein, wo sie zwischen den Zellen (interzellulär) das Pilzgeflecht (Hyphen) ausbilden. Über Ernährungsorgane (Haustorien), welche in die lebenden Zellen eingebracht werden, entnehmen die Pilze der Pflanze Nährstoffe und schädigen sie dadurch. Zur Fortpflanzung wachsen Hyphen aus den Spaltöffnungen aus und bildet verzweigte Fruchtkörper (Sporangienträger). Der Nährstoffverlust lässt die befallenen Blätter vergilben und abfallen. Falscher Mehltau verbreitet sich vor allem unter feuchtwarmen Bedingungen im Feld und auch in Glashauskulturen.

Große wirtschaftliche Bedeutung haben unter den Peronosporales der Falsche Mehltau der Weinrebe (Plasmopara viticola), die Kraut- und Knollenfäule der Kartoffeln (Phytophthora infestans) und der Tabakblauschimmel (Peronospora hyoscyami f. sp. tabacina). Unter feucht-warmen Standortbedingungen sind Zuckerrüben, Kopfsalat, Kohlarten und Rosen ebenfalls gefährdet. Im Gewächshaus kann der Falsche Mehltau bei Gurken zu einem totalen Ernteausfall führen. Von Bedeutung ist der Falsche Mehltau auch bei Sonnenblumen, Petersilie (Plasmopara crustosa) und Hopfen.

Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen nur Kupferverbindungen zur Bekämpfung des Falschen Mehltau zur Verfügung. Wegen der Schädigung des Bodenlebens beim Einsatz dieses Metalls wurde die Verwendung eingeschränkt. In der aktuellen Nutzpflanzenproduktion werden prophylaktisch überwiegend synthetisch hergestellte systemische Fungizide und Kontaktfungizide eingesetzt. Ein wirksames Mittel ist der Einsatz von Phosphonsäure (seit 2014 nicht mehr zulässig im ökologischen Landbau). Eine besondere Rolle bei der Mehltaubekämpfung in der Landwirtschaft und im Weinbau spielt der Pflanzenschutz-Warndienst. Dieser wird von staatlichen Pflanzenschutzämtern und wissenschaftlichen Instituten während der Vegetationsperiode herausgegeben und gibt regional Auskunft darüber, wann auf Grund der Niederschlagsmenge und Temperaturen Bekämpfungsmaßnahmen in Freilandkulturen zu ergreifen sind. Zur Reduzierung des Fungizid-Einsatzes werden des Weiteren auch Peronospora-Warngeräte eingesetzt.[1]

Darüber hinaus erfolgen besondere Forschungsanstrengungen einerseits zwecks Einsatz von Naturstoffen zur Auslösung von Resistenzen gegen den Falschen Mehltau in Nutzpflanzen und andererseits zwecks Züchtung mehltauresistenter Pflanzensorten.

 

2016 ein Jahr das den Winzern viel Sorge bereitet.

 

Berichte von Fachleuten zum falschen Mehltau.

Zuerst von "Pfalzweinproben" ein Artikel.

In unserer Serie “Das Jahr mit dem Winzer” erleben wir mit dem Juni-Beitrag eine besondere Ausnahmesituation im Weingut BR-Nett in Duttweiler. Die wochenlangen Niederschläge, gepaart mit warmen Temperaturen, haben die Entwicklung und Verbreitung des Falschen Mehltaus, auch Peronospora genannt, in einem in unserer Region bisher einzigartigen Umfang gefördert. Für Winzer Christian Nett ergibt sich eine völlig neue Situation, wie er sie in seiner 15-jährigen Laufbahn noch nicht erlebt hat. Insbesondere nicht zu diesem frühen Entwicklungsstadium der Trauben, was das Ausmaß noch viel schlimmer macht. Auch die Ökologische Rebschutzberatung des DLR schreibt von “einem Ausbruch in bisher unbekanntem Ausmaß im südlichen Rheinhessen und Teilen der Pfalz”.

Die Pilzerkrankung, die seit 1878 in Europa angekommen ist, kann zu massiven Ernteausfällen führen. Befallene Traubenteile und Blätter sterben ab, die Fotosynthese wird reduziert. Gerade im Bioweinbau gibt es momentan nur die präventive Maßnahme der Bespritzung mit Kupferpräparaten. Kurative Mittel gibt es keine, ist die Rebe also einmal infiziert, spitzt sich die Lage bei feuchter Witterung drastisch zu. Kaliumphosphonat, das früher zur wirksamen Bekämpfung eingesetzt werden konnte, ist seit 2014 nicht mehr erlaubt. Wie Herr Nett Senior erklärt, gibt es heute im Bioweinbau nur noch einen Bruchteil der früher zugelassenen Mitteln der Bekämpfung.

Seit ca. vier Wochen ist das Team im viertägigen Abstand draußen und besprüht die schnell nachwachsenden Triebe. Mit Sorge wurden vor einigen Wochen die ersten sogenannten Ölflecken (Aufhellungen an der Blattoberseite) auf den Blättern entdeckt. Der ständige Niederschlag tat dann das seine. Die Feuchtigkeit transportiert die Sporen der befallenen Blätter auf weitere Blätter und auf die Gescheine, die späteren Trauben. Blattunterseiten sehen wie mit Mehl bestäubt aus, vor oder während der Blüte befallene Beeren werden ausgetrocknet. Die Infektion ist zunächst nicht sichtbar, die Inkubationszeit beträgt je nach Rebsorte, Standort und Witterung bis zu zwei Wochen.

Ab morgen wird die Mannschaft die Triebe oberhalb des höchsten Drahtes einkürzen und die Traubenzone radikal entblättern, d.h. die Gescheine freilegen. In seinen bisher vierzehn Jahrgängen hat er diese Arbeit bereits zur Blüte erledigt, dieses Jahr wurde damit das erste Mal gewartet. So sollten die Gescheine geschützt werden, wenn weitere Sporen mit dem Regen von oberen Blättern in die Traubenzone gespült werden. Jedoch kann nur das sichtbar Angegriffene entfernt werden, es wird sich in den kommenden Tagen erst zeigen, wie viel weiter die Infektion unter Umständen bereits verbreitet ist.

Das heißt mit anderen Worten, der Schaden ist noch nicht abzusehen. Das wiederum ist eine besonders belastende Tatsache für den Winzer. Hagel- und Frostschäden der Vergangenheit brachten mit dem Schrecken zumeist auch Klarheit. Man konnte direkt kalkulieren und entsprechend reagieren, damit wieder nach vorne schauen. Den zu erwartenden Ausfall, aber auch eventuell benötigte Zukaufmengen einplanen. Denn ein Betrieb mit 8 Mitarbeitern, der sich zudem in der Neubauphase befindet, kann sich einen Totalausfall nicht leisten. In diesem akuten Fall muss sich das Weingut aber zunächst gezwungenermaßen noch in Geduld üben, bis der tatsächliche Verlust absehbar wird.

Die gesamte Anbaufläche des Betriebes ist betroffen, wenn auch in jeweils unterschiedlicher Stärke. Wir sind heute verschiedene Rebzeilen abgefahren und ich konnte selbst sehen, wie der Befall hier weiter fortgeschritten war als dort. Richtig erklären lässt sich das nicht. Ein Faktor sind die Regenfälle, die lokal sehr unterschiedlich sein können. Sieben Messstationen haben Netts in den Weinbergen verteilt, die Niederschlagsmengen am vergangenen Samstag zum Beispiel varierten zwischen 3 und 14 l/m2 in einem Radius von 5 km um das Weingut herum.

Christian Nett stellt sich jetzt die Frage, ob er beim Ökoweinbau bleiben kann oder zur Schadensbegrenzung zu konventionellen Mitteln zurückkehrt. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fällt und die – so oder so – weitreichende Konsequenzen mit sich bringen wird.

Bei der Weinbergstour heute, wie auch jetzt beim Schreiben, spüre ich einen Druck in der Magengegend. Man kann nur erahnen, wie anstrengend solche Bewährungsproben für den Winzer sind. Aber da er in der Vergangenheit schon vieles instinktiv richtig entschieden hat, wird er auch hier den besten Weg wählen.

 

Christoph Hammel  Winzer Kirchheim/Weinstrasse. Auszüge aus seinen Facebookeinträgen.

 

ZURÜCK IM KATASTROPHENGEBIET....was für ein grausamer anblick in dieser bioanlage . und das trotz ordentlich kupferspritzen . hier hat nicht eine einzige traube überlebt...nicht eine ! furchtbar ! 😕

 

Auszug aus Facebook

 

Jahrgang 2016: „Entspannt ist anders“

In den letzten Wochen erreichten uns Hiobsbotschaften von Winzern aus den unterschiedlichsten Regionen. Peronospora, oder „falscher Mehltau“, ist aufgrund der massiven Regenfälle dieses Jahr ein enormes Problem. Die Presse titelt „Winzer fürchten um Ernteausfälle“ und „Bio-Winzer wollen Pestizid“. Wir haben bei Sven Leiner in der Pfalz nachgefragt, wie es um seine Weinberge bestellt ist und was er vom Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im ökologischen Weinbau hält.

Sven, es scheint ein extrem schwieriges Jahr zu sein für deutsche Winzer. Aber auch aus Frankreich haben wir schon katastrophale Meldungen bekommen. Was ist dieses Jahr los?

Peronospora, oder auch falscher Mehltau genannt,  ist ein Pilz, der im Weinbau immer vorkommt. Er ist stark niederschlagsabhängig. Wir hatten hier in der Pfalz im Gegensatz zum vergangenen Jahr massive Niederschläge fast ohne Regenpausen. In der Vegetationsphase gab es bisher maximal zwei Wochen, die wirklich niederschlagsfrei waren.

Der Pilz kommt vom Boden. Die erste Infektion findet am Boden statt und wird dann durch Wassertropfen nach oben auf die Blätter geschleudert, wo er sich dann weiter verbreitet. Das Problem ist, dass wir zu einem extrem frühen Zeitpunkt ein unglaublich hohes Sporenpotenzial hatten. Das kann uns bis zur Lese verfolgen. Zwar ist es in den letzten Tagen etwas ruhiger, weil wir seit einer Woche trockenes Wetter haben und momentan keine aktiv sporelierende Peronospora draußen ist. Für morgen ist jedoch Regen angekündigt,  dann bricht es wieder aus.

Der Befall beginnt meist nach der Blüte. Die Trauben an sich sind anfällig, bis sie erbsengroß sind. Diese Größe erreichen wir jetzt bei den meisten Sorten in der kommenden Woche.
Wir hatten vor der Blüte, bei den so genannten Gescheinen, auch schon einen Befall.

Wenn wir Pflanzenschutz betreiben, sind wir anderthalb bis zwei Tage beschäftigt.  So viel Zeit hatten wir zu Beginn der Vegetationsperiode gar nicht zur Verfügung, weil es ständig geregnet hat. Bei Regen können wir nicht spritzen. Zudem gab es Starkregen. Der verhinderte, dass wir durch Anlagen fahren konnten, weil der Boden zu aufgeweicht war für den Traktor. Das hat alles nochmal schwieriger gemacht.

Du klingst insgesamt noch recht entspannt, oder täusche ich mich?

Also entspannt ist anders. Mit jedem Regentropfen wächst die Anspannung.  Wenn es einen trockenen Tag gibt, denke ich, wir müssen bis in die Nacht hinein spritzen, weil wir nicht wissen, wie der nächste Tag wird. Aber das kann ich meinen Mitarbeitern und meiner Familie nicht abverlangen. Es gibt ein Leben neben dem Weinberg.

Wie hoch ist der Befall in euren Weinbergen?

Ich schätze, dass wir derzeit insgesamt einen Verlust um die 15 bis 20% haben. Das geht noch. Bei einzelnen Weinbergen, die es besonders schlimm getroffen hat, sind aber auch Verluste von 50-70% dabei.

Euch als demeter-Betrieb steht ja nun kein prall gefüllter Chemiebaukasten zur Verfügung. Womit versucht ihr eure Reben vor Peronospora zu schützen?

Grundsätzlich dürfen wir als biodynamisch arbeitendes Weingut zum Pflanzenschutz alles einsetzen, was ökologisch arbeitende Betriebe auch einsetzen dürfen.  Als demeter-Weingut ist man im Pflanzenschutz nicht noch zusätzlich eingeschränkt.

Ich arbeite vorbeugend mit einem Tonerde-Präparat und verschiedenen Kräuterauszügen. Das verwende ich am Anfang der Saison, wo der Druck noch weniger hoch ist. Das hilft uns zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht mehr. Ich muss zu Kupfer und Schwefel greifen, anders geht es nicht. Diese Spritzungen unterstützen wir zusätzlich mit diversen Kräutertees und natürlich biologisch dynamischen Präparaten, vor allem Hornkiesel.

Wir haben das intensivste Pflanzenschutzjahr, seitdem ich Winzer bin. Wir sind mittlerweile bei Spritzung 10. Ich gehe davon aus, dass noch 5 bis 7 anstehen. Normalerweise hält man Behandlungsabstände von 8 bis 10 Tagen ein, wenn es später in der Vegetationsphase ist, auch mal 12 Tage. Mit dem enormen Druck derzeit mussten wir die letzten vier Behandlungen mit einem Abstand von nur vier Tagen fahren!

Die taz hier in Berlin titelte im Juni „Bio-Winzer wollen Pestizid“. Es geht um phosphorige Säure. Was hältst du davon?

Bis 2013 war im ökologischen Weinbau als Pflanzenschutzmittel Phosphorige Säure zugelassen, bei demeter allerdings nur mit Ausnahmegenehmigungen. Der Kupfer, den wir spritzen, wirkt als reine Barriere außen auf dem Blatt, tötet den Pilz dort oder hindert ihn einzudringen, kann aber bereits vorhandene Infektionen nicht stoppen.

Die phosphorige Säure, die aus Braunalgen gewonnen ist, dringt aber in die Pflanze ein. Sie bewegt sich wie ein Nährstoff im Saftstrom dieser Pflanze. Der größte Vorteil ist, dass sie frische Infektionen heilen kann, bzw. deren Ausbruch verhindert. Wenn man sie bis zum Ende hin spritzt, ist sie auch später der Traube nachweisbar. Das finde ich bedenklich, ist aber im konventionellen Weinbau dieses Jahr Gang und Gäbe. Allerdings war die Verwendung im Ökoweinbau nur bis zur Schrotkorngröße der Traubenbeeren zugelassen. Das finde ich sinnvoll, denn so wird das Mittel komplett abgebaut.

Das heißt mit den Pflanzenschutzmitteln, die dir zur Verfügung stehen, stößt du dieses Jahr an deine Grenzen?

Was mich zerreißt, ist, dass man laut EU-Ökoverordnung 6 kg Kupfer pro Hektar und Jahr einsetzen darf. In Deutschland sind zum Pflanzenschutz aber nur 3 kg pro Hektar und Jahr im 5-jährigen Betriebsdurchschnitt zugelassen. Das bricht uns in diesem Jahr das Genick.

In Deutschland wird schon jahrelang über den Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel diskutiert. Es gibt vom Bund geforderte Kupferminimierungsstrategien, die mir grundsätzlich aus dem Herzen sprechen,  aber gleichzeitig werden alle Alternativen vom Markt genommen. Daher wäre es  in meinen Augen durchaus sinnvoll, in solchen Extremsituationen, wie wir sie gerade haben, Phosphorige Säure mit einer Ausnahmegenehmigung zuzulassen, somit wären die 3 kg pro Jahr auch in Extremsituationen möglich.

Ich glaube, es ist im ureigenen Interesse eines jeden ökologisch wirtschaftenden Landwirtes, Pflanzenschutz egal welcher Art soweit wie möglich zu minimieren. Beim Spritzen fahren wir beispielsweise eine Recyclingtechnik: alles, was von dem Sprühnebel nicht am Rebstock landet, wird wieder aufgefangen und in den Tank zurückgepumpt. So haben wir in den vergangen Jahren unter anderthalb Kilo Kupfer pro Hektar und Jahr verbraucht. 2015 brauchten wir nur 900 g Kupfer pro Hektar!

Dieses Jahr wissen wir aber schon jetzt, dass wir am Ende des Jahres unsere vier Kilo Kupfer voll haben. Das hatte ich so noch nie. Aber es geht dieses Jahr nicht anders.

Der Umkehrschluss wäre, den Wein so teuer zu verkaufen, dass es uns finanziell nichts ausmacht, wenn alle 10 Jahre mal ein Jahrgang komplett ausfällt. Das ist leider nicht realistisch.

Was wünschst du dir von der Politik? Wie könnte es besser laufen?

Ich erhoffe mir für die Zukunft, dass man eine Regelung findet, die mehr Flexibilität zulässt in klimatisch schwierigen Jahren.

Danke, Sven. Wir wünschen dir alles Gute und drücken die Daumen für einen trockenen Hochsommer.

Mehr zu Sven Leiner und seinen Weinen.